Autor Thema: Clarity Zielbereiche und Gauß  (Gelesen 821 mal)

Offline Gyuri

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Clarity Zielbereiche und Gauß
« am: Juli 11, 2025, 01:58 »
An anderer Stelle jammerte ich über die Darstellung von Zielbereichen im Clarity, weil sie meiner Meinung nach nichts oder nicht viel über die Verteilung von den verschiedenen Bereichen verraten:
  • Sehr Niedrig
  • Niedrig
  • Im Zielbereich
  • Hoch
  • Sehr Hoch
Beliebiges Beispiel:

Es werden zwar die Anteile in Prozent angegeben und verschieden hohe Balken gezeigt, aber die Zusammenhänge sind alles andere als richtig klar.

So habe ich mir (bzw. Clarity) die Arbeit gemacht, alle Messungen im 5-Minutentakt über 90 Tage "auszuspucken",  :zwinker: was mit der Funktion "Exportieren" ganz gut klappt.

Meine Fleißarbeit war dann erst mal diesen Zahlenfriedhof ins Excel zu importieren und dann die unnötigen Sachen zu löschen. Alle extremen Messergebnisse, die mit HOCH bezeichnet wurden, musste ich eine Größe geben, damit Excel was rechnen konnte. So gab ich alles, was außerhalb vom G7-Messbereich ist mit 401 mg/dL ein.

Die aufwändigste Arbeit war es, die über 25'000 Zahlen so zu klassifizieren, dass eine Gauß'sche Glocke gezeichnet wird. Wie man das macht/machen kann ist etwas kompliziert, ich habe dafür aber vor langer Zeit schon Bausteine ersonnen.

Zuerst mal die Zielbereiche in einer Glocke mit den 90 Tagen meiner Frau:



Bei ihr waren nur 29% im Zielbereich (von Dexcom empfohlen)

In so einer Kurve muss man die Fläche unter der Kurve beachten (=Integral)
So macht der grüne Zielbereich 70-180mg/dL eben 29% der gesammten Fläche aus.
Man sieht auch dass die niedrigen bzw. sehr niedrigen Werte (Minimum war 55 mg/dL) überhaupt nicht in Gewicht fallen.
Hingegen sind die sehr hohen Werte über 400 mg/dL (hier nicht messbar) höchstwarscheinlich von hoher Bedeutung.  :kreisch:

Etwas anders sieht es bei meiner 90-Tage-Aufzeichnung aus:



Hier fällt schon mal auf, dass meine Glocke nach links zu den niedrigen Werten geneigt ist.
Ich will da jetzt nicht zu tief in Statistik eintauchen, sondern mich an "Regeln" halten, die wir bei der Qualitätssicherung von allgemeinen Autoteilen gehandhabt haben: Im Grunde ist "alles normalverteilt"
was aufgrund der Fertigung normal verteilt sein muss! Nur wenige einschlägig bekannte Fertigungsverfahren führen zu anderen Verteilungen. (Rauhtiefe, Rundlauf, Aussortieren von Ausschuss, mehrere Fertigungsstraßen, … )

Warum meine Kurve so hängt …?  :kratz: (ist mir aber fast egal)
Es könnte sein, dass man mehr "nach unten" kalibriert als "nach oben. :rotwerd:

"Normal" bin ich meist immer zu >80% im Zielbereich; vielleicht liegt es an einer überstandenen Krankheit.  :gruebeln:
Sehr Hoch und Hoch waren bei mir auch knapp außer der Dexcom-Toleranz.  :rotwerd:
Was ich aber sagen kann: die niedrigen und sehr niedrigen Werte spielen praktisch keine Rolle.
Und mal ehrlich!
Die meisten scheinbaren UZ-Werte sind reine Messfehler. Selbst wenn ich ständig erfolgreich "kalibrieren" könnte … die falschen Ergebnisse VOR dem Kalibrieren bleiben meiner Cloud für immer und ewig erhalten.

Warum wurden keine 25'920 Werte über 90 Tage erfasst?
Ganz einfach bei 9 -10 Sensoren in der Zeit fallen immer mindestens 25 Aufwärmminuten weg. Auch gibt es hin und wieder andere Gründe, dass Messwerte fehlen.
Das mag für alle, die immer Einzelwerte brauchen, tragisch sein, aber für eine Übersicht der Verteilung spielt das keine Rolle. Wenn man den Zeitraum verringert (30 oder 14 Tage) erhält man im Prinzip immer sehr ähnliche Glocken … außer es gab mal besondere Veränderungen.

Fazit!
Ich werde NICHT alle 90 Tage so einen Aufwand betreiben.  :balla:
Im Letzten Quartal bekamen meine Frau und ich vom Labor seltsame Langzeitwerte gemessen. Beide hatten wir einen HbA1c von 7,9%. Das konnte sich aber unsere Diabetologin nicht erklären … und konzentrierte sich lieber auf unsere GMI-Prognosen.
Mit zwei solchen Verteilungskurven, hätte ich meine Zweifen untermauern können.
Da hat sicher jemand die gleichen Familiennamen mit den Messergebnissen durcheinander gebracht.  :zwinker:
« Letzte Änderung: Juli 11, 2025, 09:33 von Gyuri »
Gruß vom Gyuri  :banane:
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und mach alles messbar,
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Archimedes

Offline Gyuri

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Re: Clarity Zielbereiche und Gauß
« Antwort #1 am: Juli 14, 2025, 13:22 »
 :gruebeln: Arbeitet man mit der Gaußschen Glocke, sollte man auch einwenig über die Standardabweichung wissen um einen "Vertrauensbereich" abschätzen zu können…

will sagen: (sehr vereinfacht, jedoch meist ausreichend)

Innerhalb welcher Grenzen streuen z.B.
  • 68,300%  (= 1 * Standardabweichung)
  • 95,450%  (= 2 * Standardabweichung)
  • 99,730%  (= 3 * Standardabweichung)
  • 99,994%  (= 4 * Standardabweichung)
IMMER symmetrisch zum Mittelwert?

Werte außerhalb von ± 5 * Standardabweichung können allgemein als ECHTE Ausreißer bezeichnet werden.
Da bei uns aber systembedingt mit "größeren Messunsicherheiten" zu rechnen ist,
will ich nicht päpstlicher sein als der Papst.  :heilig:


Der Einfachheit halber habe ich die Glukose-Verteilung meiner Frau genommen, in der Annahme, dass dies eher eine echte Normalverteilung ist.
Die Glocke ist aber nicht ganz symmetrisch zum Mittelwert. Das hat verschiedene Gründe …


Ich schaue mir immer nur den Mittelwert zusammen mit ± 2 * Standardabweichung an
(d.h. 4,55% aller Messungen fallen bei mir unter den Tisch  :banane: )

Wer es genauer wissen will, "einfach" nach #Konfidenzintervall suchen!

Bedenke!
Wer sich nur von Einzelmessungen ein Bild macht und keinen verlässlichen Mittelwert kennt, von einer Standardabweichung ganz zu schweigen  :kreisch: lässt zwangsläufig noch viel mehr unter den Tisch fallen.
Das habe ich früher immer wieder gesagt, wenn sich "alle" nur am HbA1c orientiert haben.  :patsch:
Der Langzeitwert bildet einen Durchschnitt über … bis zu 90 Tage ab, über eine Verteilung weiß man aber garnix.


Warum ich das mit der Standardabweichung so breit trete? :wech:
Mittelwert UND Standardabweichung machen nur in einer Normalverteilung einen Sinn.
In einem anderen Forum wurden einzelne Glukoseklassen (Sehr Niedrig, Niedrig, Zielbereich, Hoch, Sehr hoch) versucht, mit Mittelwert UND Standardabweichung zu bewerten.  :balla:
Das geschah NICHT durch den Anwender selbst, sondern wurde mit irgend einer App so fertig angeboten.

Na ja, die Mathematik erlaubt alles mögliche … es kommt nur nichts gescheites dabei raus, wenn man die Statistik-Formeln mit falschen Zahlen füllt.
Die Glukose-Klassenbreiten wurden mehr oder wenig willkürlich festgelegt und mit sortierten Zahlen gefüllt.
In Excel kann man bereits aus einem Einzelwert einen Mittelwert bilden.  :balla:
Zur Standardabweichung genügen Excel nur zwei Einzelwerte.  :balla:

Eine Prüfung auf Normalverteilung wird in aller Regel unterlassen, wenn man sich sicher ist.
Bei ausgesuchten Messergebnissen kann aber höchstens geprüft werden, ob man richtig sortiert hat.
Gruß vom Gyuri  :banane:
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Archimedes

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Re: Clarity Zielbereiche und Gauß
« Antwort #2 am: November 30, 2025, 22:20 »
Gehört jetzt nur indirekt zum Zielbereich …
aber auf jeden Fall zur Gauß'schen Glocke:

Die „Standardabweichung" bzw. der „Variationskoeffizient"


Beide Angaben sind ein Hinweis auf Streuungen um den Durchschnitt.
Dabei trägt die Standardabweichung die Einheiten-Bezeichnung von dem, was gemessen wird (hier mg/dL) und der Variationskoeffizient wird meist in % angegeben. Beide Werte stehen in einem Verhältnis zueinander.

Warum ich gerade hier und jetzt darauf komme?  :gruebeln:



Hier habe ich den Vergleich meiner Clarity-Statistik der letzten 90 Tage zu den 90 Tagen zuvor.
Am Durchschnitt hat sich nur wenig geändert, am GMI sogar nichts. Das deutet darauf hin, dass sich „im Mittel“ nicht viel verändert hat.
Warum ist dann die Standardabweichung geringer geworden?

Die Antwort sieht man sehr gut in den Grafiken an den geringeren Streuungen zu (allen) 15-Minuten-Zeiträumen. Danach ist das Streuungsband in den letzten 90 Tagen deutlich schmäler geworden … und zwar über jeden Moment der 24 Stunden.

Wohl gemerkt:
Die senkrechten grauen Striche sind die Perzentile der 15 Minuten-Zeiträume und nicht die  Standardabweichungen, die sich anders errechnen aber (ganz grob :prost: ) so etwas ähnliches darstellen.


btw:
Ich weiß nicht, warum Dexcom (und andere genauso) mit Median & Perzentilen arbeiten … wo es aber auf Statistische Aussagen ankommt ist immer von Mittelwert & Standardabweichung die Rede.  :kratz:
Gruß vom Gyuri  :banane:
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Archimedes